Begleitwort zu dieser Nummer | Jahrbuch 2001
In dieser zweiten Ausgabe des Jahrbuchs veröffentlichen wir den Inhalt
der Vorträge des historischen Symposiums, welches am 25. und 26. Mai
dieses Jahres abgehalten wurde.
Der Geschichtsverein ist eine wissenschaftliche und kulturelle
Initiative von Mennoniten, um ihr eigenes reichhaltiges Erbe zu
erforschen, darzustellen und zu fördern. Ebenso geht es darum, ihre
Beziehung zur jeweiligen Umwelt zu erforschen, ihr Geben und Nehmen,
ihren wirtschaftlichen, kulturellen und missionarischen Einfluss zu
erforschen. Das geschah diesmal im Rahmen einer öffentlichen Tagung
unter dem Rahmenthema: "Mennonitische Identität zwischen Selbstbild
und Fremdbild". Vorträge, Gruppenarbeiten, Plenardiskussion und ein
kultureller Abend boten Gelegenheit zum Forschen, Fragen und zu
kritischer Selbstbetrachtung. Das schnelle Tempo des Lebens heute
macht es notwendig, dass wir periodisch gerade für solche Aktivitäten
Zeit einräumen.
Eine Glaubensgemeinschaft wie die mennonitische ist immer auch eine
menschliche Gemeinschaft. Sie in verschiedene Bestandteile zu
zerlegen wäre problematisch. Sie bringt sich selbst ganz ein in
jeglicher Interaktion mit der Umwelt und wird so auch in ihrer
Gesamtheit beeinflusst. Von daher sieht der Geschichtsverein es als
lohnende Aufgabe, das ganze Erbe der mennonitischen Einwanderer in
Paraguay zum Gegenstand der Aufmerksamkeit zu machen. Dass hiermit
die Möglichkeiten des Mennonitseins nicht erschöpft sind, versteht
sich von selbst. Bewusstmachung hierüber zu fördern durch Begegnung,
Dialog und Publikation ist ein Vorsatz, der mit dieser Tagung zum
Teil verwirklicht wurde.
Das Thema entstand aus der Einsicht heraus, dass Mennoniten oft,
und besonders hier in Paraguay, im Spannungsfeld verschiedener
Rollenerwartungen gestanden haben. Zum Teil hatte man selbst starke
Ideale und daher Erwartungen, die man an sich selbst und an die
eigene Gemeinschaft stellte, z.T. waren es Erwartungen, die von
außen her an uns herangetragen wurden, durch die Regierung, die
nationale Bevölkerung, durch die Indianer im Chaco oder durch das
Mennonitische Zentralkomitee. Indirekt, aber auch deutlich spürbar,
waren es politische Trends, zusammen mit der internationalen Presse,
die ihr Bild zeichneten und ihre Erwartungen anmeldeten. Abe Dueck
sagt in der letzten Ausgabe des Mennonite Historian: "Mennoniten
sind oft dabei, sich selbst und anderen zu erklären, wer sie sind.
Es scheint, dass sie, mehr als andere christliche Gruppen, gezwungen
waren, sich selbst zu erklären".
Der Akzent lag bei dieser Gelegenheit darauf, historisch zu
analysieren, wie verschiedene Bilder entworfen, Erwartungen
aufgenommen und im mennonitischen Selbstverständnis hier in
Paraguay verarbeitet wurden. Psychosozial gesehen, waren dabei
Rückschlüsse auf realistische und unrealistische Erwartungen möglich,
die an uns gestellt werden und in deren Spannungsfeld wir folglich
leben.
Dr. Jakob Warkentin und Peter P. Klassen referierten zu den Themen:
"Geschichtsschreibung über die Mennoniten in Paraguay", und
"Die Rolle des MCC in den Konflikten der Mennonitenkolonien
in Paraguay". Geschichte wird vor allem auch schriftlich überliefert.
Daher ist es wichtig, sich über den Prozess sowie über die Art und
Weise der Geschichtsschreibung Gedanken zu machen. Das MCC hat
bekanntlich bei den Anfängen der Kolonisation stark mitgewirkt.
Es hat auch in den Jahrzehnten danach immer wieder in der Entwicklung
der Wirtschaft, der Erziehung und dem Gemeindeleben eine entscheidende
Rolle gespielt, und diese wird im Beitrag von Herrn Klassen
nachgezeichnet.
Hans Theo Regier sprach über Identitätsfragen im Erziehungsdenken.
Die Elemente: Mennonitisch, Deutsch, Paraguayisch, die bei unserem
Schulkonzept alle mitsprechen, sind eine dauernde Herausforderung an
Ziele, Inhalt und Methode der Bildung.
Dr. Alfred Neufeld wirft eine ähnliche Fragestellung auf bezüglich
der konfessionellen Identität. Welche Einflüsse von außen haben die
Gemeinden geprägt? Wie geben wir weiter, was wir uns als Glaubensgut
angeeignet haben? Welche Wege gilt es dabei zu beschreiten? usw.
Dra. Milda Rivarola sprach über das Bild der Mennoniten in der
paraguayischen Gesellschaft. Die Fragen der Einwanderung, der
Privilegiertheit, des Verhältnisses zur nationalen Gesellschaft
und zu anderen Ethnien werden hier erörtert.
Bischof Lucio Alfert referierte über die Geschichte des Verhältnisses
zwischen evangelischen Christen (vor allem Mennoniten) und Katholiken
in Paraguay. Er behandelte dabei die Gesetze zur Religionsfreiheit
im Land, die Toleranzfrage, Formen der Missionsarbeit und spezifisch
auch das Verhältnis der Kirchen im Chaco.
Der auf den Vorträgen folgende Austausch war allgemein rege.
Man beobachtete förmlich eine Motivation, die aus der Einsicht
erwachsen ist, dass man sich als konfessionelle und kulturelle
Gruppe im Land mehr der Herausforderung des Miteinanders öffnen
muss. Wie, christlich gesehen, eine effektivere Neu-evangelisierung
des Landes aussehen könnte, wie man Proselytismus bzw. Konkurrenz
zwischen den Kirchen definieren müsste, welche Wege da eventuell
zu beschreiten wären, dazu wurden wichtige Fragen gestellt. Diese
weiter zu diskutieren, dazu will die Drucklegung der Vorträge in
dieser Nummer beitragen.
Neben dem Hauptteil folgen aber auch Beiträge erzählenden Charakters.
Sie nä-hern sich von einem anderen Winkel her derselben Fragestellung.
Felizia Wolf lässt in ihrer Erzählung "Die Lammfellpantoffeln"
intuitive Einblicke in emotional bedingte Prozesse bei der Flucht
aufleuchten. Eugen Friesen schreibt in einem für Jugendliche
besonders ansprechenden Stil über Fragen, die sich auf das
interethnische Zusammenleben beziehen. Es geht hier nicht vorrangig
um eine strikt rationale Diagnose der Situation, sondern um Fragen,
die in der einen oder anderen Form immer wieder diskutiert werden,
Fragen, die sich stellen und die gestellt werden müssen, weil die
Lebensbedingungen in unserem Land das verlangen.
Den Schluss dieser Ausgabe bilden einige Buchbesprechungen zu neulich
er-schienenen Werken und eine Stellungnahme zum Begriff der
"Altkolonier" aus einem Aufsatz aus der vorjährigen Nummer
des Jahrbuchs. Wir möchten hiermit auffordern weiterhin Stellung
zu beziehen, Briefe einzusenden, um so den Gemeinschaftscharakter
der Reflexion zu unterstreichen.
Ein besonderer Dank gilt allen Personen, die mit ihrem Einsatz die
Durchführung des Symposiums ermöglichten: Der Ost-MBG für die
Erlaubnis der Saalmiete; den Rednern, Dr. J. Warkentin, P.P. Klassen,
Hans Theodor Regier, Dr. Alfred Neufeld, Dra. Milda Rivarola,
und Bischof Lucio Alfert.
Gedankt sei auch: Regina Stahl und Mary Derksen für die Ausschmückung
des Saales; Randolph Balzer für die Bedienung der Tonanlage;
Karin Giesbrecht und Delia Janz für die Registrierung der Teilnehmer;
Levi Hiebert, Korny Neufeld, Michael Rudolph, Rudi Hiebert für die
Gestaltung des Kulturabends; Hilda Boschmann für die Erfrischung
in den Pausen; Irene Wall und Elisabeth Niebuhr für die Anleitung
des Gesanges; Paul Klassen für die Übersetzung sämtlicher Vorträge
für die spanischsprachigen Teilnehmer. Dank auch den Gruppenleitern
und den Personen, die mit einer Stellungnahme die Diskussion
bereichert haben.
Gundolf Niebuhr, Schriftleiter
Frau Veronika Koop schreibt zu dem Kunstwerk auf dem Deckel folgendes
Der bunte Rock Josephs
Jakob hat eine besondere Liebe zu Joseph. Sie ist
wie die Liebe Gottes zum siebten Tag. Er lässt daher für Joseph einen
"bunten Rock" machen (Gen. 37,3), gleichsam ein "Prunkgewand". Dieser
vielfarbige oder bunte Rock spielt eine große Rolle. Er ist nicht nur
schön, sondern auch kostbar. Aber die Bibel will noch mehr damit
erzählen. Die Überlieferung sagt, der habe aus aneinander genähten
Lappen von verschiedenen Farben bestanden.
Josephs bunter Rock erhält gerade durch das
Zusammenspiel der Farben seine Harmonie, seine Schönheit. Der
Rock ist wie die Bibel, wie der Baum des Lebens, wie das Wissen
um den Lebenssinn, wie das bereits-im-Ziel-sein, und gleichzeitig
sich auf-das-Ziel-zu-bewegen.
Jeder Stofflappen an jenem Rock ist an und für
sich etwas Selbständiges, hat seine eigene Färbung, er wird aber
umgeben von anderen Farben, verliert dadurch von seinem eigenen Wert,
seinem Gewicht, und wird aufgenommen in eine Einheit, die dann
"bunter Rock" heißt.