Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2001
Gemeinde oder Wirtschaft?
Eugen Friesen
(1)
Anton, der jüngere der beiden am Gespräch beteiligten Männer, schaute in die Ferne, als ob er etwas am Horizont suche,
und biss sich auf die Unterlippe. Nach einer kleinen Denkpause begann er das Gespräch. Du, Martin, ich mache mir viele
Gedanken darüber, wie es mit uns Mennoniten weitergehen wird. Wir müssen uns neu definieren. Die meisten jungen Menschen hier in
der Kolonie wissen selber nicht, wer oder was sie sind. Manche halten sich für Deutsche, andere für Paraguayer. Dabei
beherrschen die meisten weder die deutsche noch die spanische Sprache, geschweige denn das Guaraní".
Martin hatte schweigend zugehört und hin und wieder mit einem Hm" seine Zustimmung gegeben. Er war einer der
wenigen Männer der Kolonie, die sich über die Identitätsfrage der Gemeinschaft Gedanken machte, weshalb er von vielen als
kritisch" abgestempelt worden war. Natürlich ist die Frage nach der Nationalität eine sehr wichtige Frage, Anton. Allerdings scheint
mir, wir sollten uns vor allem wieder auf dem geistlichen Gebiet neu definieren", gab er zu bedenken. Meines Erachtens ist es
viel wichtiger, dass jeder Bürger sich darüber Gedanken macht, ob er überhaupt noch ein Mennonit ist oder nicht". Was willst
du damit sagen? Willst du etwa behaupten, dass wir nicht mehr Mennoniten sind"? Nein, so krass wollte ich es nicht
ausgedrückt haben. Aber etwas ist schon dran. Sei mal ehrlich, Anton, kennst du die mennonitischen Glaubensprinzipien? Und wenn ja,
bist du damit einverstanden, kannst du da mitgehen"? Anton blickte auf seine Schuhe, mit denen er einen Kreis in den feinen
Sand machte. Offensichtlich war diese Frage nicht leicht zu beantworten, und man merkte es ihm an, dass er konzentriert
darüber nachdachte.
Nach einer längeren Denkpause schaute Anton Martin in die Augen. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber
mir scheint, dass ich darüber zu wenig weiß". Martin nickte ihm nur zu. Nach einer Pause sagte Martin: Das Mennonitentum
ist doch nicht rassen-, sprach- oder kulturbedingt, wie wir es oft interpretieren wollen. Das ist ein total falsches Verständnis
vom Mennonitentum, und auch die Landbevölkerung hat leider diese verkehrte Vorstellung von uns. Mennoniten sind
diejenigen, die nach den mennonitischen Glaubensprinzipien leben, egal welche Hautfarbe sie haben. Wir deutschsprachigen
Chaqueños verstecken uns sozusagen unter dieser religiösen Decke und versuchen uns dadurch abzuschirmen". Das müsstest du
mir schon näher erklären, ich kann deinem Gedankengang nicht folgen". Nichts einfacher als das", erwiderte Martin. Ich
bin nämlich der Meinung, dass wir längst keine Glaubensgemeinschaft mehr sind, sondern dass wir uns zu einer Volksgruppe
mit beinah ausschließlich materiellen Interessen entwickelt haben. Das heißt konkret, dass wir zwar immer noch an einigen
moralischen Maßstäben festhalten, diese jedoch nicht aus voller Überzeugung ausleben, sondern eher als Pflicht ansehen".
Kannst du mir ein Beispiel nennen"? Aber natürlich. Die meisten Bürger halten ihr Wort nur scheinbar. Das heißt konkret, dass sie
zum Beispiel ihren Zehnten nicht geben, dass sie Steuer zurückhalten, dass sie aus einem Pflichtgefühl zur Kirche gehen, dass
sie sich ihren Mitmenschen gegenüber gleichgültig verhalten. So könnte man diese Reihe fortsetzen. Wo man nicht
beobachtet wird, ist man niemandem gegenüber mehr verantwortlich". Das kann ich mir vorstellen und meine, dass es auch
einleuchtend klingt. Aber, wo denkst du sitzt da der Haken? Warum sind wir so"? Die definitive Antwort habe ich auch nicht parat, ich
kann aber Hypothesen formulieren und Vermutungen anstellen. Ein Grund scheint mir die immer stärker auftretende
Selbstgerechtigkeit zu sein. Man ist sich der Gnade Gottes nicht mehr bewusst und meint, das Leben alleine meistern zu können. Man meint,
sich den Himmel durch gute Werke verdienen zu können. Du wirst bestimmt zu bedenken geben, dass gute Werke doch wichtig
und unentbehrlich sind. Ich bin einverstanden, und dennoch fehlt das Wesentliche, denn wo kein Glaube da ist, scheitern
jegliche gute und gut gemeinte Werke".
Anton ließ sich das Gesagte noch einmal durch den Kopf gehen. Martin hatte wohl nicht ganz Unrecht. Es schien ihm jetzt
so einfach und verständlich zu sein, und dennoch war er noch nie selber drauf gekommen. Martin war zwar viel älter als er, aber
sie waren gute Freunde. Martin hatte in Anton immer wieder einen interessierten Zuhörer und Gesprächspartner gehabt, und
dieser hatte schon viel von seinem alten Freund lernen können.
Was wolltest du erst andeuten, als du sagtest, dass wir versuchen, uns mit dem Glauben abzuschirmen? Der Punkt ist mir
nicht einleuchtend". Martin suchte nach passenden Worten, um es seinem Freund so einfach und deutlich wie möglich erklären
zu können und antwortete langsam: Nehmen wir das Prinzip der Wehrlosigkeit. Warum haben wir, du und ich und alle Bürger
dieser Kolonie, denn keinen Militärdienst geleistet"?
Na ja, darüber habe ich auch schon oft nachgedacht. Es ist schon komisch, dass alle Paraguayer diesen Dienst leisten
müssen und nur wir davon befreit werden". Wenn du das auch so siehst, dann haben wir eine gute Grundlage, um gemeinsam über
die von mir gestellte Frage nachzudenken. Als unsere Väter auf der Suche nach einem neuen Zuhause waren, war die Frage
der Wehrlosigkeit eine der wichtigsten. Dabei sind wir bei einem der Glaubensprinzipien angekommen. Sie haben damals
beim paraguayischen Präsidenten erreichen können, dass alle mennonitischen Jungen vom Militärdienst befreit werden. So weit,
so gut. Doch wie sieht das heute aus? Man, das heißt, die heutige Jugend ist sich nicht mehr dessen bewusst, wo dieses
Privileg herkommt. Alle genießen es, doch die wenigsten wissen es zu schätzen, und manchen ist es sogar total schnuppe. Dass
das Prinzip der Wehrlosigkeit bei uns schon ins Wanken gekommen ist, wird auch dadurch deutlich, dass immer häufiger die
Richter eingespannt werden. Man ist nicht mehr fähig, ein Problem unter Brüdern zu lösen. Ist das nicht sonderbar? Ein
weiteres Glaubensprinzip ist die Treue. Wie oft hört man in unseren Kreisen, wie über die Landesregierung geschimpft und geflucht
wird. Es ist ja offensichtlich, dass es viel Korruption im Lande gibt. Doch was hilft es, dauernd darüber zu schimpfen? Wir sollten
viel mehr darum beten, dass Gott die regierenden Männer mit seinem Wort berührt und zur Umkehr auffordert. Wie schon
gesagt, schimpfen wir dauernd über die Situation im Lande und ergreifen keine Initiative. Wir geben nicht einmal ein gutes Beispiel".
Ja, das stimmt. Denkst du an Betrug bei der Steuerangabe"? Auch. Aber es gibt noch andere Dinge, die total verkehrt
laufen. Schau dir die vielen `Mau - Autos' an. Wie viele davon gibt es in unserer Kolonie? Viele kaufen illegale Wagen, weil sie
meinen, sich keinen legalen leisten zu können. Außerdem ist ihr Wagen ja gar nicht ganz illegal, da er ja nicht einmal bei der
nationalen Polizei als gestohlen gemeldet worden ist. Was macht das also schon? Sogar einige der Prediger fahren solche Wagen. Was
ist das für ein Beispiel für unsere Landbevölkerung"?
Noch lange dachte Anton an diesem Abend über das Gespräch nach. Obzwar es ihm schwerfiel, musste er dem alten
Martin Recht geben. Es war doch nicht ganz einfach, das eigene Verhalten und das der Gesellschaft kritisch zu hinterfragen .
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Fussnoten:
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Eugen Friesen ist gegenwärtig Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität in Asunción.
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