Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002
Die erste Fahrt in den Chaco
Cornelius W. Friesen
(1)
Weihnachten ist vorbei. Es war die erste in Paraguay. Wie ganz anders aber war es als ein Weihnachtsfest in Kanada! Die
Sonne scheint senkrecht vom Himmel, so dass es um die Mittagszeit keinen seitlichen Schatten gibt. Man kann des heißen
Sandes wegen nicht ungeschuht gehen. In Kanada lag stattdessen der weiße, kalte Schnee und das glatte Eis, so dass wir Kinder
der grimmigen Kälte wegen im warmen Haus bleiben mussten. Nur für gewisse kurze Stunden war es uns erlaubt, draußen im
Freien auf den Schneedünen unsere angesammelte Energie im hurtigen Spiel zu verwerten. Auch die Weihnachtsbescherung war
in den letzten Jahren dort reichlich und schön ausgefallen. Hier dagegen waren es jetzt einige wenige Süßigkeiten, die
auffallenderweise alle einzeln in weißer Papierhülle lagen.
Auf unserem Hofe und auch in der Nachbarschaft standen Kirschbäume, die um diese Zeit für uns für eine angenehme
Abwechslung sorgten: Glänzend schwarze Früchte mit milchigem, süßem Saft gaben die Bäume zu Tausenden her, wenn Stäbe
die Zweige rüttelten. Stäbe, die von geschickten, flinken Jungenhänden mit wuchtigem Schwung in die Baumkronen
geschleudert wurden. Um diese Zeit etwa saßen auf diesen Bäumen auch jene Zikaden und sangen ihre langatmigen,
ohrenbetäubenden Lieder, die ihnen den ehrenvollen Namen Wienachtstjnipasch" einbrachten.
Und nun soll es losgehen in den Chaco. Die erste Strecke wird uns der Zug" auf der Schmalspurbahn, die vom Zentrum
des Hafenstädtchens Casado unweit an uns vorbei in die Wildnis führte, mitnehmen. Dieser Zug kommt uns so klein vor, dass
wir uns manches Mal über ihn lustig gemacht und ihn ausgelacht haben. Er ist ja kaum länger als er hoch ist. Beim Fahren keucht
er, als wäre er ein Junges von einer Lokomotive in Kanada. Der Pfiff, der die Anfahrt meldet, könnte auch von einem
kräftigen Knaben gekommen sein. Und die Waggons machten einen nicht besseren Eindruck. Aber das macht uns nicht unglücklich,
wir sind nur reichlich stolz auf unser Kanada und auf seine gewaltigen Züge. Welche Geschwindigkeit unser Zwergzug
entwickelte, weiß ich schon nicht, aber als einem der großen Jungs der Hut vom Kopfe fliegt, springt er ihm nach, hebt ihn auf und
schwingt sich beim Fahren ohne Schwierigkeiten auf eine der hintern Karren".
Unsere wichtigste Beschäftigung auf der so geruhsamen Reise, die mit dem Lokomotivlein beim Hafen beginnt, besteht
darin, dass wir alle Brücken der Eisenbahn und alle für den Chaco typischen dickbäuchigen Flaschenbäume, die wir zu
Gesicht bekommen, zählen. Dass es solche höchst seltsamen Bäume überhaupt irgendwo in der Welt gäbe, hätten wir nicht einmal
ahnen können. Wir waren ziemlich zuverlässig, jeden neu entdeckten Baum unserer bisherigen Zahlenreihe hinzuzufügen.
Als wir die damalige Endstation, wahrscheinlich Km 74, erreicht haben, sollte die Geschwindigkeit noch um ein
Bedeutendes herabgesetzt werden, denn von nun an sollten die Ochsen das Tempo weitgehend bestimmen. Wir hatten vier Ochsen, die
von andern Männern vorher schon zugbändig gemacht worden waren: Prinz und Taum; Jim und Schale. Unsere Sachen werden
nun auf einige Wagen verladen, und im Schneckentempo geht's unserer neuen Heimat zu. Unserer kränkelnden Mutter wird die
Fahrt dadurch sehr erleichtert, dass sie im weichen Federsitz unseres sanftfedernden Buggys ihren Platz haben darf. Auch von
uns Kindern darf einer von den Kleineren hier mitfahren. Aber das ist uns nicht so wichtig, als dass wir jetzt nach Belieben auf
den Füßen sein dürfen und die Karawane durch Gras und Busch begleiten, laufend, spielend, lachend und zankend. Dieses
Letzte natürlich nicht mit Erlaubnis, und auch ohne es dafür zu halten, dass es gezankt wäre. Daut doni onsi Jungis uck so en
want omm en tjlienet Schweldostji jeit", hörte ich Onkel Harder sagen, einen dicken, etwas ulkigen Herrn, als er und unser Vater
neben den Wagen hergehen und unsern zu heftigen Wortwechsel vernehmen. In Laguna Casado holen wir wieder unsere
kanadischen Nachbarn Hieberts ein. Sie wohnen, wenn ich mich recht entsinne, mit einer kleinen Gruppe Familien am Buschrande,
einer längeren Lagune gegenüber. Es ist schon nicht mehr weit bis zu unserem vorläufigen Ziel, Pozo Azul. Bald schleppt sich
unsere Karawane wieder langsam weiter, und dann sind wir da, wo wieder alles abgeladen und in den Zelten untergebracht wird.
Hier sollen sich wieder einige der ersten Eindrücke festsetzen. Dazu gehören die Polvorinos, diese fast pulverfeinen,
brennend stechenden Flieglein. Nicht nur einzelne von ihnen tauchen auf, sondern viele. Für solche, die an windgeschützter Stelle
ihre Arbeit zu verrichten haben, ist das höchst ungemütlich. Glücklicherweise aber hat man schon ein wirksames
Abwehrmittel gefunden: De Pilisaunta Rüak". Vor diesem wohlriechenden, aber auch alles anschwärzenden Qualm des noch
ungetrockneten Palosantoholzes scheinen sie zu weichen. Vielleicht hat der Genuss des Duftes allein schon ein gut Teil mit dazu beigetragen,
das Ungeziefer zu vergessen. Denn wenn er heute gelegentlich meine Riechnerven berührt, werde ich urplötzlich in jene
Buschecke in Pozo Azul versetzt.
An unserer Wohnung vorbei führt der Weg zum Gemeindegarten. Dort hat man verschiedene Feldfrüchte angepflanzt:
Mais, Erdnüsse, Mandioka und Wassermelonen. Vielleicht auch noch anderes mehr. Hier genieße ich zum erstenmal die
bewundernswerte Schönheit einer Mandiokapflanze. Ihre viellappigen, so saftig grünen Blätter strecken sich an ihren langen
rötlichen Stengeln wie offene Hände dem Besucher entgegen. Eine andere Pflanze, die mir besonders auffiel, ist die Erdnussstaude.
Dass die Pienitz" von solchen kleinen, dunkelgrün beblätterten Pflanzen herkommen sollten, hätten wir nicht einmal ahnen
können. Und dann noch unter der Erde. Eine andre Saite meines Herzens wird von einem Konzert kleiner Frösche berührt. Meine
älteren Brüder mit noch anderen zusammen treiben eines Morgens eine Viehherde in Richtung Km 9" auf die Weide. Ich darf
diesmal auch mit. Von Km 9 laufen Geschichten, dass dort Tiger wären. Mir bangt von vornherein bei dem Gedanken, dass eines
von solchen gefährlichen Tieren uns an dem Wege auflauern könnte. Gleich außerhalb unseres Siedlungslagers müssen wir
das knöcheltiefe Wasser einer flachen, von Algorrobobäumen bestandenen Niederung durchwaten. Das ist ein gesuchter Ort für
die Frosch- und Krötenwelt. Aber hier hämmert und dröhnt nicht der Ochsenfrosch. Hier johlt und quakt keine andre Kröte als
nur diese eine Gruppe, deren Herz allzu stark zu klopfen scheint, weil sie anscheinend auch um unsere Tigergeschichten weiß.
In hohem Ton schlagen sie ihre Stimme an und ziehen sie zitternd in weitem Bogen niederwärts. Genau meinen
beängstigenden Gefühlen angepasst. Es hat sich aber kein Tiger gezeigt. Nicht selten hat später so eine wehmütig klingende Musik mich
zurück nach Pozo Azul getragen.
Hier haben wir auch den sisalartig feinblätterigen Faserkaktus kennengelernt. Die Gleichaltrigen unsres Herrn Harder sind
dabei unsre Lehrer. Sie hatten nämlich jeder eine hübsch gedrehte Peitsche, die nach unten hin immer dünner wurde. Was wir an
diesen Peitschen am meisten liebten, ist, dass sie unsern Drang nach Lärm ein Etwas befriedigen können. Wenn die anderen sonst
nicht allzu sehr nach Stille und Ruhe sind, müssen die Peitschen knallen. Schlag auf Schlag durchhallt es Pozo Azul, und nicht
selten schneidet sich der Schlussknoten ab und fliegt pfeifend durch die Luft. Ein andres Mal befestigen wir andere Gegenstände
am unteren Teil der Peitsche und schleudern sie durch die Luft, dass eine Gummischleuder ihre Küglein nicht weiter zu
treiben vermag. Das aber ging nicht immer mit geborgten. Wir müssen unsere eigenen haben. Und nun wird der sonst so
dornige Krüppelwald zu einem wertvollen Arbeitsplatz, an dem wir gerne in unseren freien Stunden verweilen. Nicht aber, um
dort herumzutollen, sondern um das kostbare Strick- und Peitschenmaterial aus der Erde zu ziehen und nach Hause zu tragen.
Später im Dorf haben wir solche Faserblätter nach Hause geholt. Hier wurden sie über einen platten Drahthaken gezogen und
so die Fasern von der äußeren Hülle freigelegt; darauf in der Sonne getrocknet und verarbeitet. Die Stricke fanden ihre
Verwendung beim Umgang mit Rindern und Pferden. Wir machten uns davon Schaukeln und zogen damit Wasser aus den tiefen
Brunnen hoch. Sogar gab es dann und wann etwas Taschengeld für den Vater.
Die Hauptsache für uns Knaben aber lag in der Arbeit, die unsern Spieldrang befriedigte. Manchen Tag sind wir in den 500
Meter entfernt beginnenden Krüppelwald gegangen und haben ihn nach den besten Kaktusplacke" durchstrichen. Dass die
Finger von den vielen nadelspitzen Widerhaken ganz aufgerauht und stellenweise bis auf Blut verwundet wurden, tat der Sache
keinen Abbruch.
Und nun wandern wir in Gedanken noch einmal zurück nach Pozo Azul. Auch hier sorgten die Väter dafür, dass wir das
Lesen und Schreiben nicht ganz vergäßen. Unweit der im Zentrum gelegenen Lagune hatte man einen Schuppen für
Versammlungen errichtet, den wir auch als Schulraum nutzten. Unser Lehrer war hier der schwerhörige Onkel Abram Töws. Er war schon
mein siebenter Lehrer. Es lässt sich denken, dass wir hinter seinem Rücken seine Schwerhörigkeit freudig begrüßt und
ausgenutzt haben, interessanteren Beschäftigungen als Lernen nachzugehen.
Etwa 3 Monate haben wir uns hier nun aufgehalten, und nun soll's weiter nach dem Dorfe Osterwick gehen. In Kanada
hatten die Eltern immer in Osterwick gewohnt, und das soll hier nun so weitergehen. Jetzt wird alles wieder auf Wagen verstaut,
der Federwagen wieder einem Wagen angehängt, die Kuh, die alte Rote, mit ihrem großen Kalb am andern Wagen befestigt, und
nun geht's nach Hause. Diese Wegstrecke aber ist mir restlos aus dem Gedächtnis entschwunden.
Als wir auf dem Osterwick-Kamp ankommen, nimmt unser Zug einen neuen, geradeaus nach Süden führenden Weg,
der zukünftigen Dorfstraße und biegen dann bald nach rechts ab auf unsere Hofstelle. Dass es hier noch wo einen zweiten
Einwohner geben soll, das vermögen die Augen nicht auszumachen. Der Kamp ist so dicht mit Bäumen und Büschen bestanden,
dass man einen Nachbarn von 150 Meter Entfernung wohl kaum sehen könnte.
Das Erste muss nun der Spaten dran, die dicht bei dicht stehenden Bittergrasbüschel üttostätje". Denn Herd und Zelt
könne nicht im tiefen Grase aufgestellt werden. Auch für die Kisten und für das Hausmöbel muss ein sauberer Platz da sein.
Als das geschehen ist, wird ein kleiner Graben ausgehoben, der schmaler ist als die mitgebrachte Ofenplatte, aber etwas
länger. Die Endöffnungen dienen nun als Ofentür und Schornstein. In stark gebückter Haltung muss die Mutter das Rührei
zubereiten. Der Rauch schwärzt keine Wand oder auch kein Dach an, um so mehr aber alles Ofengeschirr und den Koch. Wir
Jungens arbeiten nicht schwer, stehen aber am Tisch beim Essen keinem nach. Was Mutter aufträgt, wird von uns mit
Riesenappetit verzehrt. So wenig wie wir Schwerarbeiten verrichten, werden wir auch von Sorgen gequält. Den Schatten und die
Ruhe brauchten wir nur, wenn es nötig war oder wenn es uns befohlen wurde.
Wir wissen bald, welche Bäume sich am leichtesten erklimmen lassen und wie tragfähig ihre Äste sind. Die
Quebrachobäumchen schützen sich mit ihren Stacheln vor unseren Belästigungen. Dafür aber müssen die beindicken Paratodobäumchen
herhalten. Wir haben es nämlich schon bemerkt, dass hier viel auf Pferden und Maultieren geritten wird. Und da das nicht
Stillesitzen bedeutet, eignet sich dazu nicht irgendein fester Baumast. Die hätten wir schon. Aber Pferde und Esel nicht, und da muss
ein Ausweg gefunden werden. Und auch das haben wir in den freien Stunden bald geschafft. Die erwähnten
Paratodobäumchen haben federnd biegsame Stämme. Wenn wir sie erklettern, geben sie dem Gewicht unserer Körper nach und biegen um, und
bald schlägt ihre Krone am Boden auf. Um nun wie im Galopp wieder hochzufahren, geben wir mit den Füßen genügend
Schwung, und in hohen Sprüngen tragen uns unsere tapferen Pferde den Viehherden nach, die kein anderer sieht als wir allein.
Den ersten lustigen, vielstimmigen Freudengesang des Krötenreichs, wie er heute auch nach schönen Regen nicht
lieblicher sein kann, hörten wir in Osterwick einige Tage nach unserer Ankunft. Es war in dieser Nacht unser Nachbar Onkel Peter
mit einigen anderen Männern angekommen. Wir haben es nicht bemerkt. Zu gleicher Zeit zieht auch ein Sschöner Regen
übers Land. Da unser Zelt aber schon schadhaft geworden ist und das Wasser durchlässt, haben die Eltern über die Sachen drin
und auch über unsere Betten eine zweite Plane ausgebreitet.
Morgens, als wir aus unserm Versteck hervorkommen, ist schon einer jener Männer da. Er grüßt uns mit seiner tiefen
Bassstimme in barschem Tone: Nü koome di Moldwarm fedäl!"
Tausenden solcher kleinen und noch kleineren Erlebnissen sind wir begegnet, die uns Großen nichts mehr bedeuten,
damals aber oft höchst wichtig und lebensbereichernd erschienen. 47 Jahre trennen uns nun schon von jener Zeit, und vieles ist
anders, ganz anders geworden. Dass uns manche Kleinigkeit heute weniger Freude bereitet, gehört nicht unbedingt zur guten
Veränderung, vielmehr ist es ein Verlust. Die Pflanzen- und Tierwelt will auch heute noch unsere beglückende Lebensbegleiterin
sein. Wenn sie das darf, wird sie uns zu manchem Abstecher in echte, wenn auch zeitlich vergängliche Freudenstunden verhelfen,
die aber in engem Zusammenhang mit der Freude im Herrn steht. Freude im Herrn ist nicht blind für die unzähligen Gaben
des Zeitlichen.
Fussnoten:
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Aus: Mennoblatt, Nr. 5-7, April - Mai 1975.
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