Nachtrag | Jahrbuch 2002
Schlussfolgerungen in dem Aufsatz von Dr. Alfred Neufeld,
im Jahrbuch 2001
Die bekennende Gemeinde Menno Simons' - mehr als eine konfessionelle Komponente
Biblisch - theologische Grundlinien
Will man der Krise des `Mennonitentums' in Paraguay sinnvoll begegnen, wird man sich auf den biblischen Charakter
der Gemeinde Jesu Christi zurückbesinnen müssen. Es mag idealistisch erscheinen, von der Gemeinde her etwas am
allgemeinen Mennonitenbegriff in Paraguay verändern zu wollen und dem Triumph der soziologischen These vom `mennonitischen
Völklein' und seiner mennonitischen Exklusivkultur entgegenzutreten. Aber uns bleibt keine andere Wahl! Und wenn die
Gemeinde hier nicht ihren prophetischen Auftrag wahrnimmt und fähig ist, mennonitische Gemeinde für jedermann zu schaffen, dann
lädt sie historische Schuld auf sich und wird dem Projekt Gottes mit seiner Gemeinde in dieser Welt nicht gerecht.
Folgende Überlegungen können uns bei dieser Aufgabe eine theologische Basis liefern:
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Von der Bibel her, und wieder seit der Reformation, haben Kirchenverbände nur eine Existenzberechtigung, wenn ihre
Lehre und Praxis in der Schrift verankert sind. Das bedeutet für unsere Thematik schlicht und praktisch:
Mennonitisch sein muss bedeuten, biblisch zu sein! So wollte es Menno Simons. Die ganze Rückbesinnung auf unsere täuferische Identität kann ja
nur dem Zwecke dienen, in unserer Zeit der Schrift gegenüber treu zu sein.
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Das Evangelium bringt immer eine erneuerte Kultur
hervor. Es ist ein schwaches, blutleeres Evangelium, wenn es nicht
das kulturelle Umfeld verändert. Wenn die Jesusnachfolger nicht interessiert sind eine Jesuskultur zu leben, sind sie keine
Nachfolger. Die Bibel spricht hier sogar von einem Bürgerrecht, d.h. von einer Alltagskultur und Nationalität, die vom Himmel aus
und von der Gottesherrschaft her geprägt ist. Diese Gemeindekultur ist immer auch eine Gegenkultur zur Welt. Sie ist aber
nicht vorrangig an einige Elemente gekoppelt, die unsere sogenannte mennonitische Kultur ausmachen, wie etwa Sprache,
Verwandtschaft, Territorium, Sitten und Gebräuche bei Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdiensten usw. In dieser Hinsicht ist die
Gemeindekultur niemals eine ausgrenzende Stammeskultur.
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Christen finden ihre Identität vorrangig in der
Zugehörigkeit zu Jesus und zur Familie
Gottes. Nationale Identitäten und kulturelle Hintergründe spielen zwar auch eine wichtige Rolle, unterordnen sich aber dieser primären Zugehörigkeit. Bei
den schrecklichen Stammesrivalitäten zwischen den Hutu und Tutsi in Ruanda gab es auf beiden Seiten evangelische Christen
und Pastoren, die sich blutig bekämpften. Dr. Dalton Reimer, MB-Friedensforscher in Fresno, bemerkte dazu treffend:
Die Zugehörigkeit zum Stamme der Hutu oder der Tutsi war für sie wichtiger als die Zugehörigkeit zum Stamme Jesu"
(für Freunde der griechischen Sprache: Es gibt eine heilsgeschichtliche Differenz zwischen `laos und ethnos').
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Was Paulus von seiner missionarischen Existenz behauptet, gilt auch für die Gemeinde Jesu:
`Den Juden ein Jude, den Griechen ein
Grieche, allen alles, um möglichst viele zu gewinnen'. Oft haben unsere Gemeinden gedacht, sie müssten
die Hüterin der deutschen Sprache und Tradition sein sowie der althergebrachten Form von sozialem und zivilem
Zusammenleben mit angehängtem Schulsystem im Rahmen einer `mennonitischen Kolonie'. Die Gemeinde soll ja tatsächlich eine Art
Himmelskolonie auf Erden sein. Aber das `Schleppen' dieser Art von `Kulturkarren' sollte die Gemeinde lieber anderen sozialen
Kräften überlassen und nur sekundär ihre Identität daran binden. Denn diese Dinge machen es soviel schwerer Mennonit zu werden,
als Christ zu werden. Das Vorbild von der `Selbstentäußerung' Christi ist hier für die Gemeinde obligatorisch. Als Gemeinde
sollten wir eine christliche Alltagskultur entwickeln, die andere Christen nicht ausgrenzt.
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Gemeinde für die Welt sein. Als mennonitische Einwanderer in Paraguay haben wir lange an einem historischen
Flüchtlingskomplex gelitten. Wir suchten einen Flecken, wo wir in `Ruhe und Stille unseres Glaubens leben konnten', und empfanden
von daher auch außenstehende Beobachter eher als eine Bedrohung. Wir waren ja auch tatsächlich Flüchtlinge, Gäste und
Fremdlinge in diesem Land, eine Situation, die uns mit der neutestamentlichen Urgemeinde verbindet. Aber gerade die
Apostelgeschichte lehrt uns, wie die ersten Christen ihren Flüchtlingsstatus immer wieder in eine Sendung verwandelten und ein
Apostelbewusstsein (Gesandte Jesu) entwickelten. Gemeinde Jesu ist eben für die Welt und um der verlorenen Welt willen da.
Nachfolger Jesu, und das galt fürs Täufertum und die MB's, wollen eben gerade nicht `weltflüchtig', sondern `welttüchtig' sein.
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Die Zentralität der Gemeinde wiederentdecken.
Es will so scheinen, als hätte die täuferische Theologie eine ganz
große Zukunft im 21. Jahrhundert. Theologen wie Yoder, Driver, Hauerwas und Sider gehören schon seit Jahren zu den
meistgelesenen Autoren im Bereich neuer theologischer Modelle (Siehe entsprechende Literaturangaben in der Bibliographie). Sie alle
weisen auf die Zentralität der Gemeinde im Projekt Gottes hin. Die Gemeinde ist `Alternativkultur', `Himmelskolonie',
`Zeugnisgemeinschaft', `das Medium, das die Botschaft Gottes ist'.
Schlussfolgerungen: Spannungsfelder und Hausaufgaben
Fragt man nach der `konfessionellen Komponente' der mennonitischen Identität in Paraguay, so scheinen aus der
Perspektive täuferisch-biblischer Theologie und Reflexion einige `Hausaufgaben' fällig zu sein. Und weil ich mich selbst als Teil
dieser Identität ansehe, brauche ich im Weiteren die Wir-Form.
Offensichtlich können diese Hausaufgaben nur unter dem Bewusstsein stattfinden, dass sich die mennonitische Identität
in Paraguay innerhalb von verschiedenen Spannungsfeldern bewegt. Theologie und Identität stehen nun einmal nicht im
leeren Raum, sondern werden von Geschichte und Empirie mitbestimmt.
Spannungsfelder
Folgende Bereiche, die hier nur angedeutet werden können scheinen mir beachtenswert zu sein, für die Entfaltung
täuferischer Identität in Paraguay.
- Gemeindeorientierung im Rahmen einer ethnischen Minorität.
- Täuferische Schulkonzepte im Rahmen des öffentlichen-allgemeinen Schulwesens.
- Politische Präsenz im Rahmen jesuanischer Ethik und Treue zur Gemeinde Christi.
- Wirschaftsethik im Rahmen der `Alternativkultur' der Gemeinde.
- Praxis der Friedenskirche im Rahmen von Korruption, Kriminalität und Ungerechtigkeit.
- Gemeinde für jedermann im Rahmen des Kulturfeldes einer ethnischen Minorität.
- Täuferische Missionstheologie im Rahmen von Volkskatholizismus und Stammesreligion.
Hausaufgaben
Die oben angedeuteten Spannungsfelder scheinen uferlos zu sein. Konkrete Schritte sind meines Erachtens in der
unmittelbaren Zukunft dennoch möglich und fällig.
Zur nationalen Identität:
National gesehen sind wir Kinder von Einwanderern in Paraguay, wie der Rest der paraguayischen Bevölkerung auch.
Unsere Einwanderung geschah etwas später, wir stammen von deutschen Eltern ab und suchen deutsche und paraguayische
Identität in gleicher Weise zu fördern. Dazu bedarf es keiner dritten Nationalität, genannt `mennonitisch'.
Zur Kommerzialisierung der Konfession:
Die Gemeinden erklären sich zum Wächter über den rechten Gebrauch des Namens Mennonit. Sie erlauben weder seine
Kommerzialisierung, noch seine Reduktion auf ein völkisches und soziologisches bzw. wirtschaftliches Phänomen.
Zur Gefahr einer mennonitischen Stammesreligion:
Die Gemeinden sind ständig auf der Hut, ihre Identität nicht vorrangig an die Elemente Verwandtschaft,
Sippengemeinschaft, eigenes Territorium und eigene religiöse Kultur zu binden, die nur für Stammeseingeweihte zugänglich ist. Sie suchen
bewusst, Gemeinde für jedermann zu sein.
Zur Frage, ob 'mennonitisch' oder 'missionarisch':
In Gemeinde und Mission wird man vermehrt bestrebt sein, mennonitisch zu werden, um bibeltreu zu sein. Das bedeutet
konkret, unsere mennonitische Theologie nicht aus der Tradition, sondern aus der Schrift zu begründen und an der Geschichte
zu illustrieren, um sie für jedermann zugänglich zu machen.
Zur Nützlichkeit von K.f.K. und Gemeindekomitee:
Die Strukturen von K.f.K. und Gemeindekomitee müssen neu überdacht werden, um sie von der Gefangenschaft im
mennonitischen Volksgedanken zu lösen. Sie dürfen nicht Machtstrukturen sein, sondern haben ihre Existenzberechtigung nur,
insofern sie dynamischen Gemeindebau fördern und nicht behindern. Ihre Hauptfunktion muss die Pflege intergemeindlicher
Freundschaft und die Wahrnehmung gemeinsamer Aufgaben sein.
Zur Frage `mennonitischer' Zivilrechte:
Die Gemeinden werden den Kolonieleitungen behilflich sein müssen in der Frage um die sogenannten Bürgerschaftsrechte.
Sie werden wachsam darauf achten, dass religiöse Überzeugungen oder rassische Zugehörigkeiten nicht die Einschränkung
ziviler Rechte mit sich bringen.
Zur bikulturellen Identität:
In Fragen kultureller Identität sollten die Gemeinden bewusst den bereits vom Schulsystem eingeschlagenen Weg der
Bikulturalität begleiten und fördern. Gemeinde ist, wie Jesus Christus selbst, immer bi- bzw. multikulturell, da sie Himmelskultur und
lokale Kulturen miteinander verbindet. Deshalb ist Bikulturalismus für die Gemeinde keine Bedrohung. In diesem Kontext dürfen
auch kulturelle Mischehen nicht mehr als `Katastrophe' angesehen werden, für die es in den Gemeinden keinen Raum gibt, so
deutlich man auch in der vorehelichen Beratung auf die zu erwartenden Schwierigkeiten hinweisen mag.
Zum Mennonitentum in Paraguay und seiner Geschichtsschreibung:
Die Gemeinden werden der Versuchung zu widerstehen wissen, ihre Identität und Geschichte in der Kategorie eines
nostalgischen Heimatkundevereins zu konzipieren. Dabei werden die verstärkten Beziehungen zu internationalen mennonitischen
Verbänden, besonders der mennonitischen Weltkonferenz uns helfen können, eine klare Sicht für das `eigentliche'
Mennonitentum zu entwickeln und uns nicht `im Sonderfall Paraguay' zu isolieren.
Zum besseren Verständnis des biblischen Gottesvolk-Gedankens:
Der mennonitische Volksgedanke wird einem biblischen Gottesvolkgedanken weichen müssen. Die Gemeinde Jesu ist eben
das `Volk für alle Völker'. Denn es ist ja
das Kreuz von Golgatha, das gemeinsame Heimat stiftet und nicht historische
Schicksalsgemeinschaft. Es sind eben die `Blutströpfchen von
Golgatha', dieser `Strauss von Sarons Rosen', der verlorene Sünder zu einer neuen Gottesfamilie zusammenschweißt, auch über Verwandtschafts-, Sippen-, und territoriale
Siedlungsgemeinschaften hinaus. Und `das Vaterhaus, das immer nah
ist', ist die Himmelskultur des anbrechenden Reiches Gottes. Diese
Vaterhauskultur sucht die Gemeinde glaubwürdig in der Welt zu vertreten.
Zur Frage: `Wie wird man Mennonit'?
Zu dieser unserer entscheidenden Frage, von der die Zukunft des Mennonitentums in Paraguay abhängt, hat Peter P.
Klassen kürzlich in einer Fernsehreportage über Alltagskultur in Filadelfia eine wegweisende Antwort geliefert. Der Journalist
Rubín wollte wissen, wie ein Außenstehender Mennonit werden kann. Darauf Klassen etwa wie folgt:
Nun, die Antwort ist sehr einfach. Sie müssen sich zu Jesus Christus bekehren, Sie müssen sich auf ihren Glauben taufen
lassen und sich verbindlich einer Gemeinde anschließen. Es gibt tausende indianische, afrikanische und indische Mennoniten,
die diesen Weg gegangen sind".
Des Rätsels einfache Lösung also: Mennonit wird man durch Bekehrung! Der Jude Rubín glaubte nicht, dass das so
einfach wäre. Wir aber können einiges dazu tun, damit es einfacher wird.
Aber auch das Gegenteil ist der Fall: Wo keine Christusnachfolge mehr sichtbar wird, wie sie Menno Simons gelehrt hat, wo
die verbindliche Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu Christi, die ja die Gemeinde Menno Simons' war, verlorengegangen ist, da
hat man wohl kein Recht von mennonitischer Identität zu reden. Da müssten für die folkloristischen Elemente und die Pflege
der plattdeutschen Kultur andere Etiketten gefunden werden.