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Interethnisches Zusammenleben
Seit seiner ersten Besiedlung vor fast zweitausend Jahren ist der >Chaco eine Region inter-ethnischer Begegnungen. Zuerst waren es die verschiedenen Indianerstämme, die hier Tauschhandel trieben oder gemeinsam Feste feierten; bei anderen Gelegenheiten auch Kriege führten, die der Eroberung oder der Verteidigung von Stammesgebieten galten. Nachdem die Spanier im sechzehnten Jahrhundert am Río Paraguay ansiedelten, wurden auch sie zu Teilnehmern in diesem Drama von Begegnungen, mal durch Tauschhandel, mal als Zielscheibe von Überfällen und dann auch zunehmend selbst als kriegerische Eroberer des Chaco.
Zu dauerhafteren Kontakten kam es um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Damals begannen nämlich die neuen Eigentümer, die zuvor große Teile des Chaco gekauft hatten, ihre Rechte in die Tat umzusetzen und diese Ländereien auszubeuten: durch Holzgewinnung, Viehzucht oder durch die Vermarktung des Landes an Siedlungsunternehmen. Auch Missionsgesellschaften wie die Mission der anglikanischen Kirche (>Anglikanische Mission), die Orden der Oblaten und der Salesianer fingen ihre Tätigkeiten unter den Chacoindianern an.
Zu den Neuankömmlingen, die den zentralen Chaco ab 1927 als Siedlungsgebiet gewählt hatten, zählten auch die deutschstämmigen Mennoniten. Sie wurden die neuen Nachbarn der Nord-Enlhet. Die interethnischen Begegnungen waren in diesem Falle meist friedlich; sie wurden von den Indianern für den Tauschhandel ausgebaut, von den Mennoniten zunächst für die Ortserkundung und dann vor allem zur Nutzung der Arbeitskraft für den landwirtschaftlichen Aufbau wahrgenommen. Die Vorteile dieser wirtschaftlichen Beziehungen wurden bald auch von den weiter südlich lebenden Nivaclé-Indianern entdeckt, die ab 1936 massiv in den zentralen Chaco einwanderten.
Vorher kam es im Chaco aber zunächst zu einem sehr traurigen Kapitel der interethnischen Begegnungen, denn von 1932 bis 1935 wurde die Region zum Schauplatz eines “modernen” Krieges zwischen Paraguay und Bolivien (>Chacokrieg), der für die Ureinwohner verheerende Folgen hatte. Sie kamen zwischen die Fronten und wurden von beiden Heeren als “Spione des Gegners” verfolgt. Sie verloren den größten Teil ihrer Stammesgebiete. Durch Pockenepidemien starb rund die Hälfte der Indianer; der Rest suchte nach Beendigung des Krieges mit einem stark angeschlagenen ethnischen Selbstbewusstsein die Nähe der weißen Gönner, die sie inzwischen für “übermächtig” und unbesiegbar hielten. Das alles führte die Ureinwohner des Chaco zu einer Subsistenzkrise und zu einem Abhängigkeitsverhältnis in Beziehung zum weißen Menschen.
Diese grob skizzierten Begegnungen der Geschichte wirken sich natürlich auf die Gestaltung des Zusammenlebens in der Gegenwart aus; immer noch spürt man den “Komplex des Eroberten”, das “Recht des Eroberers” und die Macht des wirtschaftlich Erfolgreichen. Zu gleicher Zeit ist aber auch zu beobachten, wie sich die interethnischen Begegnungen mehr und mehr harmonisieren. Was früher der Willkür des Militärs überlassen war, wird zunehmend von zivilen Regierungsinstanzen wahrgenommen. Die Gesetze übernehmen international anerkannte Kriterien für soziale Gerechtigkeit und sichern auch eine Reihe ethnischer Sonderrechte, die der Wiedergutmachung und der Chancengleichheit dienen sollen.
Aber nicht nur die geschichtlichen Belastungen und das ungleiche Machtverhältnis stellen Herausforderungen für das interethnische Zusammenleben dar, sondern auch die Verschiedenheit der Kulturen. Der Chaco ist Heimat für vierzehn verschiedene Indianervölker, zu denen sich die lateinparaguayische, die deutsch mennonitische und andere ausländische Kulturtraditionen gesellt haben. Die Indianer sind von ihrer Kultur her animistisch orientierte Jäger und Sammler; die Lateinparaguayer kommen aus einer katholischen, südeuropäischen Kultur, die sich durch Vermischung mit Guaraní-Indianern geformt hat; die Deutschmennoniten sind nordeuropäischen Ursprungs und kulturell stark geprägt durch ihre anabaptistische Religion und ihre Jahrhunderte lange Weltabgeschiedenheit.
Wie sich diese kulturellen Unterschiede im praktischen Zusammenleben auswirken, kann am Beispiel der mennonitisch-indianischen Beziehungen veranschaulicht werden. Die einen vertreten eine Produktions- und Reservewirtschaft; die andern eine Aneignungs- und Verteilerwirtschaft. Für die einen gilt es, die Umwelt zu erobern und zu beherrschen; die andern passen sich ihr eher an und scheuen zurück vor jeglicher Manipulation der Natur. Für die einen zählt wirtschaftliche Unabhängigkeit als hoher Wert; die andern streben das Ideal der Gegenseitigkeit und Ergänzung an. Für die einen wird der neugeborene Mensch als Ton betrachtet, der durch den Erziehungsprozess seine Endform erhält; für die andern ist der Neugeborene eher wie ein Samenkorn, das zu dem heranwächst, wozu es schon genetisch vorprogrammiert ist. Für den einen übt der “Wissende” zwingende Autorität über den “Unwissenden” aus; der andere lebt in einer egalitären Gesellschaft, wo jeder ein Gleicher unter Gleichen ist, und niemand auf den nächsten Zwang ausüben darf.
Die Bewusstmachung der interkulturellen Andersartigkeit ist zu einem wachsenden Bestandteil des Zusammenlebens im Chaco geworden. In dem Maße, wie sich die interkulturelle Kommunikation durch Sprache, soziale Begegnungen und wirtschaftlichen Austausch verbesserte, wuchsen auch gegenseitige Duldung und der Freiraum, seiner ethnischen Identität Ausdruck zu geben. Dies wiederum fand seine Resonanz in den Gesetzen, die jetzt explizit die Werte des Plurikulturalismus und der ethnischen Vielfalt anerkennen. Dadurch haben zum Beispiel die verschiedenen Indianergruppen wieder ein neues ethnisches Selbstbewusstsein entwickelt und versuchen, in ihre gemeinschaftlichen “Lebensprojekte” möglichst viele Aspekte der kulturellen Traditionen einzugliedern.
Währenddessen fordert der Chacoalltag von seinen Bewohnern einen andauernden Übungsprozess darin, interethnische Haltungen, Erwartungen und Handlungen aufeinander abzustimmen. Den Lateinparaguayern gelingt das, sozial gesehen, wohl am ehesten. Von ihrer Kultur her sind sie gastfreundlich, sozial einfühlsam und zeigen sich solidarisch mit dem Bedürftigen. Zu gleicher Zeit platzieren sie den Indianer aber auch auf den unteren Stufen einer imaginären sozialen Leiter und wittern argwöhnisch, dass sich die Immigranten in überheblicher Weise oben auf der Leiter wähnen. Darum gilt für sie die “Integration” als Zielvorstellung eines harmonischen Zusammenlebens, wobei sie davon ausgehen, dass es so etwas wie eine ”nationale Kultur” gibt, der sich alle einzuordnen haben.
Aus dieser Perspektive erwarten die Lateinparaguayer für das interethnische Zusammenleben eine größere Anerkennung der nationalen Gesetze und ihrer katholischen Religion; sie erwarten, dass ihre sozialen und wirtschaftlichen Interessen in den mennonitischen Koloniezentren berücksichtigt werden, und dass sie einbezogen werden in Landsicherungs- und Nachbarschaftshilfeprogramme, wie sie auch für die Indianer organisiert werden. Sie sehen politische Posten und Ämter in Regierungsinstitutionen als ihre Tür zu größerem Einfluss an, streben aber auch im Arbeitsmarkt nach immer größerer Beteiligung. Damit das Zusammenleben harmonisch verlaufen kann, erwarten sie, dass alle ethnischen Gruppen Spanisch lernen und Bereitschaft zu sozialen Kontakten und zum Aufbau eines integrierten Schulsystems entwickeln.
Für die verschiedenen indianischen Ethnien wird die Begegnung mit den Lateinparaguayern und Deutschmennoniten aus der Perspektive ihrer Kommunität gesehen, die für sie eine Wohn- und Lebensgemeinschaft bedeutet, die ihnen als soziales Rückzugsgebiet dient. Das beinhaltet, dass sie im sozialen Rahmen weniger Kontakte suchen, wohl aber hohe Erwartungen hegen, dass es im Wirtschaftsleben durchaus interethnisch und integriert zugehen soll. Als Gefahren für das Zusammenleben sehen sie die negative Beeinflussung ihrer Jugend durch verschiedene Laster und durch die Konsumorientierung der nationalen Gesellschaft, wie diese, zum Beispiel, durch die Massenmedien verherrlicht werden. Mögliche interethnische Konfliktsituationen befürchten sie durch Verkehrsunfälle, Streit in den Arbeitsbeziehungen oder auch Konflikte zwischen Volksgruppen im Konkurrenzkampf um die gleichen Arbeitsstellen.
Für die Lösung interethnischer Konflikte setzen die Indianer zuallererst auf Dialog und das präventive Aufbauen positiver Beziehungen. Dabei gehen sie von einer Anerkennung der Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen aus und möchten in nachbarschaftlicher Freundschaft zusammen Lösungen suchen. Die Sicherung der materiellen Existenz ihrer Familien ist für sie ein Unternehmen, das in interethnischer Gegenseitigkeit und Ergänzung wahrgenommen werden muss. Sie stützen sich in ihren Erwartungen auch auf das gemeinsam Erlebte zwischen Indianern und Mennoniten und auf den gemeinsamen Glauben, der stark genug sein sollte, zukünftige Konflikte friedlich zu lösen.
Ähnlich wie die indianischen Ethnien streben auch die Deutschmennoniten für das Zusammenleben eine Integration unter Bewahrung der eigenen kulturellen Identität an. Diese wird verstanden als Fortdauer der überlieferten Familienzentralität, der deutschen Sprache und dem Vertrauen auf Organisation als Lösung sozialer und wirtschaftlicher Herausforderungen. Besonders das Bewusstsein, wirtschaftlich die “besser Organisierten” zu sein, beeinflusst dabei die Haltung den anderen Ethnien gegenüber. Die politisch motivierte öffentliche Verwaltung wird mit Skepsis wohl geduldet, aber ohne große Bereitschaft, die eigenen Talente und Erfahrungen dort einzubringen. Zu gleicher Zeit ist man sich dessen bewusst, dass die andauernde Zuwanderung in den zentralen Chaco, sowohl die von Lateinparaguayern als auch die von Indianern aus anderen Gebieten, zu einem Konfliktpotenzial zwischen den ethnischen Gruppen heranreifen könnte, wenn diese keinen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen erhalten.
Für die Harmonisierung der interethnischen Beziehungen vertrauten die Deutschmennoniten bislang wohl am meisten auf die Evangelisation und die Nachbarschaftshilfe. Dadurch sind eine Reihe von evangelischen Gemeinden entstanden, die Ureinwohner des Chaco haben Teile ihres Landes zurückerstattet bekommen und Dienste der wirtschaftlichen Beratung, medizinische Betreuung und schulische Bildungsprogramme wurden für sie organisiert und unterhalten. Neuerdings sind im Chaco auch bescheidene Anfänge gemacht worden, nachbarschaftliche Entwicklungsprogramme für Lateinparaguayer zu fördern.
Sowohl diese Kooperationsprogramme wie auch die täglichen Begegnungen im Wirtschaftsleben und die Integration in der öffentlichen Verwaltung sorgen dafür, dass die Deutschmennoniten in einem ständigen Übungsprozess bleiben, um das interethnische Zusammenleben besser meistern zu können. Dabei werden von ihnen hohe Erwartungen auf das Erziehungswesen gesetzt, wo die ”interkulturellen Kompetenzen” der Kommunikation und der kulturellen Wahrnehmung gefördert werden sollen.
Aber auch im öffentlichen Leben der mennonitischen Gesellschaft zeichnen sich Transformationen in den Erklärungsmustern bezüglich der interethnischen Beziehungen ab, die schon eine Folge der nachbarschaftlichen Zusammenarbeit sein dürften. Ein Beispiel dafür ist ein neues Verständnis von Land, das nicht mehr nur als Wirtschaftsfaktor, sondern auch als ”Lebensraum und soziale Sicherheitszone” gesehen wird. Im wirtschaftlichen Miteinander wird zunehmend eine geschichtliche Perspektive mit einbezogen und das Konzept einer ”gerechten Wiedergutmachung” mit ins Feld geführt. Dabei soll die unterschiedliche Ausgangsbasis der verschiedenen Ethnien berücksichtigt werden, um mit speziellen Maßnahmen zu einer annähernden Chancengleichheit zu gelangen. (>Indianerkulturen, >Enlhet, >Nivaclé)
Wilmar Stahl
Jahrbuch für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay. Jahrgänge 2001, 2005 (Beiträge von Lucio Alfert, Milda Rivarola, Ernesto Unruh und Hannes Kalisch); FRICC, Federación Regional Indígena del Chaco Central. Seminario de Etnodesarrollo: Crecimiento comunitario y convivencia interétnica. Yalve Sanga, Chaco, Paraguay, 2006; ACOMEPA, Asociación de Colonias Mennonitas del Paraguay. Gemeinschaftsseminar: Interethnisches Zusammenleben. Asunción, 2006; Hendrik Hack: Indianer und Mennoniten im paraguayischen Chaco. Amsterdam: Centro de Estudios y Documentación Latinoamericanos, 1976; Wilmar Stahl: Culturas en interacción; una antropología vivida en el Chaco paraguayo. Asunción: El Lector, 2007.

   
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