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Konservative amerikanische Mennoniten in Paraguay

Konservative amerikanische Mennoniten findet man in Paraguay in den Kolonien >Agua Azul und >La Montaña. Sie selber bezeichnen sich als konservative Mennoniten (conservative Mennonites). Von ihrer Lebensweise und theologischen Ausrichtung her könnte man zu ihnen auch die Kolonien der >Amischen Mennoniten in >Luz y Esperanza und >Florida zählen. Doch der Begriff >Kolonie findet hier nur bedingt Anwendung und darf nicht im Sinne der mennonitischen Siedlungen nach russischem Modell mit eigenem Verwaltungsapparat und eigenen Kooperativen (>Genossenschaften) verstanden werden. Sie sind einfach Glaubensgemeinschaften, die auf einem gemeinsam erworbenen Landareal zusammenleben. Auf einen gemeinsamen Landtitel wird wenig Wert gelegt. Wer in der Gemeinde einen Titel auf sein Land beantragt, dem wird er zugestanden, wenn der Eigentümer es an jemanden außerhalb der Gemeinde verkaufen möchte. Das ganze Leben der kleinen Gemeinschaften ist gemeindeorientiert und muss von daher verstanden werden.
Mit der Bezeichnung “konservative amerikanische Mennoniten” sind hier diejenigen gemeint, die an der Lehre der Täufer von Schleitheim nach Inhalt und Form festhalten. Sie unterscheiden sich von den >traditionellen Mennoniten (>Rio Verde und >Nueva Durango) darin, dass sie mehr Wert auf den Inhalt der Lehre und ihre Geschichte legen als auf die äußere Form, obzwar die äußere Form auch Bedeutung für sie hat, aber das geistliche Leben wird, im Gegensatz zu den traditionellen und fortschrittlichen Mennoniten mit Betonung auf Kulturmennonitentum, auffallend intensiver gepflegt. Wenige Veränderungen sind von ihnen im Laufe der Jahrhunderte eingeführt worden. Wahrscheinlich präsentieren sie das beste Beispiel mennonitischer Frömmigkeit in urtäuferischer Form, wie sie in der Vorstellung vieler in Paraguay lebt.
Ihr Ursprung liegt in der Schweiz. Das >Schleitheimer Bekenntnis aus dem Jahre 1527 gilt ihnen, mehr als allen anderen Mennoniten in Paraguay, als Grundlage in Lehre und Wandel. Unter dem Druck furchtbarer Verfolgungen in der Schweiz wanderten viele, völlig ausgeraubt, in Gebiete und Länder aus, wo sie geduldet wurden. So kam ein Teil von ihnen in das Elsass und in die Pfalz, wo die Fürsten ihnen erlaubten, in den von Kriegen verwüsteten Landschaften zu siedeln.
Ab 1710 begann die Auswanderung aus der Schweiz, dem Elsass und der Pfalz nach Nord-amerika. Diese war möglich dank der großzügigen Hilfe der holländischen Mennoniten (Doopsgezinde). In Pennsylvanien siedelten sie in Lancaster County, etwa 100 km westlich von Philadelphia, an. Im Laufe der Zeit kam es hier zu einer großen Konzentration von Mennoniten in den USA.
Überfälle von Seiten der Indianer, dann die Kriege zwischen Franzosen und Engländern, Revolution und Unabhängigkeitskrieg und der damit verbundene gesellschaftliche Druck stellten die wehrlose Haltung der Mennoniten hart auf die Probe, die nicht alle bestanden. Die Treue zum Glauben der Väter setzte sich dennoch in den Gemeinden durch. Durch ihren Fleiß, ihre Sittsamkeit, einfache Lebensweise und Kleidung taten sie sich in der Gesellschaft hervor. Allgemein sind sie am besten unter dem Namen Altmennoniten (nicht zu verwechseln mit den >Altkoloniern aus Russland) bekannt. Sie selber bevorzugen heute den Namen Mennonite Church. Zu dieser Linie gehören Persönlichkeiten wie Orie O. >Miller, Harold S. >Bender, Erie >Sauder u. a. m., die für die >Mennoniten in Paraguay von großer Bedeutung gewesen sind. Im MCC waren sie stark vertreten und wegweisend.
Doch etwa ab 1900 machte sich auch unter den Altmennoniten in Nordamerika der Modernisierungsprozess bemerkbar. Viele blieben nicht mehr auf dem Land, sie zogen in die Stadt, gründeten eigene Unternehmen und traten in nichtbäuerliche Berufe ein. Schulische Ausbildung auf Universitätsniveau gewann an Bedeutung. Eigene Schulen und Colleges entstanden. Das erforderte engere Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden, und infolgedessen wurde die Schaffung von Organisationen und >Konferenzen (Vereinigungen) notwendig. Neue Gottesdienstordnungen mit Musik und modernem Gesang fanden ebenfalls den Weg in die Gemeinde. Anderen Gemeinderichtungen gegenüber wurde größere Toleranz geübt. Die Gemeindedisziplin wurde gelockert und vom geschlossenen Abendmahl (nur für Glieder der eigenen Gemeinde) gingen die Gemeinden zum offenen Abendmahl über, d. h. auch Gläubige aus anderen als der lokalen Gemeinde durften am Abendmahl teilnehmen. Die Gemeinde wurde dadurch offener und anziehender für Außenstehende, die aus nicht-mennonitischen Kreisen kamen.
Doch nicht alle Altmennoniten konnten sich mit der neuen Entwicklung abfinden. So kam es zu Trennungen in der Lancaster Mennonite Conference (eine unter mehreren Konferenzen der Altmennoniten in Nordamerika), die auch für Paraguay von Bedeutung werden sollte. Fragen der Ehescheidung und Wiederverheiratung, größere soziale Verantwortung in der Gesellschaft, Gebrauch des Fernsehers und traditionelle Kleidertracht spielten bei dieser Trennung eine entscheidende Rolle. Den Konservativen waren die Kompromisse mit der “Welt” zu groß geworden. Sie meinten, den Glauben der Väter nur in Verbindung mit der alten Lebensweise aufrecht erhalten zu können. Das Prinzip der >Absonderung von der Welt müsse auch durch äußere Formen (z. B. Kleidertracht) sichtbar gemacht werden, meinten die Konservativen. Doch gingen sie nicht so weit, den Andersdenkenden den christlichen Glauben abzusprechen. Auf diese Weise konnten die Gemeindespaltungen, die sich anbahnten, nach gegenseitiger Absprache auf friedliche Weise durchgeführt werden. Die Konservativen heben hervor: Unsere Lebensform macht uns nicht selig, aber sie erleichtert es, den christlichen Glauben deutlicher zu leben. 1960 entstand so die Mennonite Christian Brotherhood (Christliche Mennonitische Bruderschaft, Agua Azul). Durch eine weitere Abspaltung von der Lancaster Mennonite Conference entstand 1968 die Eastern Pennsylvania Mennonite Church (Agua Azul und Rio Corrientes). Glieder dieser konservativen amerikanischen Gemeinden gründeten in Paraguay die Kolonien >Agua Azul (1969), >Rio Corrientes (1975) und >La Montaña (1980).
Die biblisch täuferische Haltung dieser Gemeinden in Bezug auf die Feindesliebe bringt das folgende tragische Ereignis zum Ausdruck: Ein Überfall ereignete sich in La Montaña am 24. August 1999. An besagtem Tage wurde Benjamin E. Shank (24) überfallen und ermordet. Shank war nach dem Abendprogramm der Gemeinde mit seinem Motorrad auf dem Wege, einen Lastwagen zu holen, um die Gemeindeglieder, die im Nachbarort Katupyry auf der Bibelschule waren, abzuholen und heimzubringen. Auf einsamem Wege wurde er überfallen, gebunden und mit vier Messerstichen im Hinterkopf ermordet. Der (die) Mörder floh(en) mit dem gestohlenen Motorrad. Shank hinterließ seine Frau Rachel, einen Sohn von drei Monaten, sechs Schwestern, zwei Brüder und die Eltern. Mehrere vermutliche Täter wurden festgenommen, doch konnte der Fall nach einem Jahr immer noch nicht geklärt werden. Die Polizei vermutete Rache aus irgendeinem Grunde, da Benjamin 300.000 Gs. und eine sehr kostbare Taschenlampe mit sich führte, Wertsachen, die ihm aber von dem (den) Täter(n) nicht entwendet worden waren. Vor der Presse machte der Vater folgende Aussage: Wir, die ganze Familie, die ganze Gemeinde, haben dem, der meinen Sohn getötet hat, verziehen. Und mit schmerzvollem Ausdruck fährt der Vater fort: Wenn auch der Tod Benjamins gewalttätig war, so glauben wir dennoch, dass er im Dienste des Herrn starb. In der Gemeinde lehren wir die Nächstenliebe. Aus diesem Grunde hegen wir keinen Wunsch nach Rache gegen den, der meinen Sohn getötet hat. Wir werden auch keine Untersuchung anstellen, wer es gewesen ist, denn dieses ist Aufgabe der Obrigkeit. Auf die Frage der Presseleute, ob man einen Gerichtsprozess gegen den (die) Täter, wenn gefunden, einleiten werde, antwortete der Vater mit der gleichen Überzeugung: Wird der Mörder gefunden, ist es Sache der Polizei und der Obrigkeit. Wir werden keinen Gerichtsprozess einleiten gegen den, der das Leben meines Sohnes genommen hat. Ich werde ihn nicht verklagen. Alles ist in Gottes Hand... Was geschehen ist, ist geschehen und wir haben dem Mörder verziehen, weil wir Christen sind (Ultima Hora, 31. August 1999, 60).
Gerhard Ratzlaff
Stichwort “Lancaster Mennonite Conference” in: Cornelius J. Dyck und Dennis D. Martin: Mennonite Encyclopedia, V. Scottdale, Pennsylvania: Herald Press, 1990 und “Lancaster Mennonite Conference” in Band III, S. 275-278; Gerhard Ratzlaff: Ein Leib - viele Glieder. Die mennonitischen Gemeinden in Paraguay. Hg. Gemeindekomitee. Asunción: Makrografic, 2001, S. 179-192; Martin G. Weaver: Mennonites of Lancaster Conference. Scottdale, Pennsylvania: Mennonite Publishing House, 1982.

   
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